Abwehr und Verdrängung

"Ich bin ein Weltmeister im Verdrängen ..."

Gerade zu Anfang der Erkrankung, wennIhnen der Arzt mitteilt, dass Sie an einem bösartigen Tumor leiden, strömt vieles auf Sie ein: Eine Welt bricht zusammen. Die Leistung, die Krebspatienten in dieser Situation erbringen müssen, sollte nicht unterschätzt werden: Der bevorstehende Krankenhausaufenthalt soll organisiert werden, die Klinik wird ausgewählt, die Abwesenheit zu Hause muss geregelt werden - wer gießt die Blumen? Die zugesagte Hilfe bei den Geburtstagsvorbereitungen der Schwester muss abgesagt werden! Der Urlaub, der bereits gebucht ist, muss verschoben werden. Neben all diesen organisatorischen Aufgaben muss man auch mit den Gefühlen klarkommen: Wut taucht auf und Angst - Muss ich sterben? Werde ich mich quälen? Kann ich meinen Beruf fortführen? Wird mir der Arm abgenommen? Was sagen die Nachbarn? Wie soll ich das meinem Kind erklären?

Wozu dient die Verdrängung?

Gerade am Anfang, wenn so vieles auf einen einströmt ist es wichtig, sich nicht "Überfluten" zu lassen, nur so viel zu "bearbeiten", wie man aushalten kann. Hier leistet die Verdrängung ihren Dienst. Sie ist kein ein Zeichen der Unfähigkeit, sondern vielmehr ein Zeichen, dass Sie sich schützen können.

Alles, was nicht drängt, nicht unmittelbar geregelt werden kann oder was zu einem "Zusammenbruch" führen könnte wird "beiseite geschoben", um den Alltag so weit wie möglich aufrecht zu erhalten. Die Verdrängung ermöglicht es, soweit möglich "funktionsfähig" und sich den nächsten Anforderungen stellen zu können.

Verdrängung wird zum Teil mit einem schlechten Gewissen gesehen: Man hat den Krebs nicht wie ein "Stehaufmännchen" voll im Griff, mogelt sich so durch. Aber es sollte auch die verantwortungsbewusste Seite gesehen werden: Die anstehenden Aufgaben sind so viele, dass ich einfach aussortieren muss und eines nach dem anderen angehen.

Wo kann Verdrängung gefährden?

Die Gefahr der Verdrängung liegt darin, den Zeitpunkt für die Lösung eines anstehenden Problems zu verpassen.

Zumeist verschwindet das Verdrängte nicht von selbst, sondern wartet darauf, angegangen zu werden. Durch die Verdrängung verkürzt sich jedoch häufig die Zeit, so dass am Ende gegebenenfalls eine schnelle, wenig vorbereitete Lösung gefunden werden muss. So kann zum Beispiel die Angst vor einem Wiederkehren des Tumors (Rezidiv) oder vor Töchtergeschwülsten (Metastasen) dazu führen, dass Kontrolluntersuchungen nicht wahrgenommen werden ("Ach, es wird schon nichts sein!"), zum Teil selbst dann, wenn Beschwerden bestehen, die auf ein Rezidiv oder Metastasen hinweisen. Je später Tumore jedoch festgestellt und behandelt werden, desto schwieriger wird die Behandlung - hier besteht die Gefahr, dass Behandlungschancen vergeben werden.

Ein zweiter "Haken" bei der Verdrängung ist, dass sie oft nicht durchgängig funktioniert: Die Ängste "kommen immer wieder hoch." Werden diese Ängste nicht angesprochen, bleiben sie weiter bestehen und es kann sein, dass man sich so insgesamt mehr ängstigt, als wenn man das Problem direkt angeht: Angst vor Schmerzen plagt Patienten häufig deshalb, weil sie über die verschiedenen Schmerzbehandlungen nicht informiert sind - bei 90% der Krebspatienten können Schmerzen stark gelindert oder ganz beseitigt werden.


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