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9. Interdisziplinäres
Forum
Förderation operativ
medizinisch-wissenschaftlicher Fachgesellschaften,
Wiesbaden, 24.09.1999
Organerhaltende Tumorchirurgie:
„Weichgewebesarkome des
Stammes und der Extremitäten mit Gefäßersatz
bei erweiterter Resektion“
Univ.-Prof. Dr. med. Peter
Hohenberger, Klinik für Chirurgie und Chirurgische Onkologie, Universitätsklinikum
Charité, Standort Berlin-Buch, 13122 Berlin
Weichgewebesarkome machen
lediglich 1 % aller Malignome aus, werden aber meist spät diagnostiziert
und unter dem Eindruck einer gutartigen Geschwulst operiert. Häufig
sind Tumorrezidive dann im Bereich von Blutgefäßen lokalisiert
bzw. narbig fest mit diesen verbacken. Hochmaligne Sarkome (d. h. geringer
Ausreifungsgrad, Grading III) stellen stets ein besonderes Problem
dar, vor allem wenn sie im Retroperitoneum, der Leiste oder in Gelenksnähe
lokalisiert sind. Dieser Tumortyp ist besonders häufig durch eine
echte Gefäßinvasion gekennzeichnet. Bei Lokalisation an den
Extremitäten wurde eine Amputation als unumgänglich angesehen
[1].
Multimodale Therapiekonzepte
eröffnen demgegenüber heutzutage Chancen für eine extremitätenerhaltende,
radikale Chirurgie. Hierzu sind drei Komponenten erforderlich:
-
Von seiten der Diagnostik stellen
die Möglichkeiten der MR-Tomografie, insbesondere in der Kombination
mit einer MR-Angiografie, den entscheidenden Schritt dar, um den Gefäßbezug
von Sarkomen eindeutig nachzuweisen (Abbildung 1 und 2). Dies gilt sowohl
hinsichtlich der Erkennung derjenigen Blutgefäße die den Tumor
versorgen, als auch der Klärung, ob Gefäße durch den Tumor
infiltriert sind. Bleiben Zweifel hieran, eröffnet der endovasculäre
Ultraschall die Chance, weitestgehend Klarheit über die Beziehung
zwischen Tumor und Gefäßwand zu gewinnen (Abbildung 2).
Abbildung 1 |
Abbildung 2 |
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Da die überwiegende Zahl
der Sarkome mit Gefäßbeteiligung von hohem Malignitätsgrad
sind, ist eine präoperative Behandlung mit dem Ziel der Devitalisierung
des Tumors geboten. Hierfür bietet sich bei Lokalisation der Tumoren
im Extremitätenbereich die isolierte Perfusion unter Verwendung von
Tumornekrosefaktor ? in Kombination mit Melphalan an [2,3]. Bei stammnahen
Tumoren oder solchen des Retroperitoneums kann eine systemische Chemotherapie
[4], ggf. in Kombination mit regionaler Tiefenhyperthermie [5] oder einer
hyperfraktionierten Strahlentherapie in Frage kommen [6].
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Für stammnahe und retroperitoneal
gelegene Sarkome liegen keine ausreichenden Daten vor, den Stellenwert
einer präoperativen Chemotherapie, Strahlentherapie oder der Kombination
beider Modalitäten im Hinblick auf eine Verbesserung der Rate an R0-Resektionen
zu bewerten. Bei Extremitätensarkomen hat sich in den letzten Jahren
die Extremitätenperfusion unter Verwendung von Tumornekrosefaktor
alpha (Beromun?) als Standard etabliert [2,3]. In einer multizentrischen,
europäischen Studie von 246 Patienten, bei denen Resektabilität
eines Extremitätensarkoms nicht gegeben war, konnte durch die Extremitätenperfusion
bei 75 % der Patienten eine Tumorverkleinerung erreicht werden. Bei 80
% der Fälle stimmte eine unabhängige Kommission der Einschätzung
als „nicht extremitätenerhaltend operabel“ zu. Wichtiger jedoch ist
die Tatsache, daß im Resektat des Residualtumors bei 28 % der Patienten
histologisch kein vitaler Tumor mehr nachgewiesen werden konnte. Der Anteil
der Patienten, bei denen nach 3 Jahren noch eine extremitätenerhaltende
Behandlung konstatiert werden konnte, betrug 71 % [7]. Dies belegt, daß
die Extremitätenperfusion mit rh-TNF? und Melphalan eine hocheffektive
Methode ist, deren Potential jedoch nur in Kombination mit einem lokal
radikal-chirurgischen Eingriff ausgeschöpft werden kann. Hierzu sind
Gefäßresektion und plastisch-chirurgische Defektdeckungsmaßnahme
im extremitäten-erhaltenden Behandlungskonzept ein wichtiger
Bestandteil [8].
-
Für das operative Vorgehen
ist entscheidend, den devitalisierten Tumor monobloc mit dem infiltrierten
Gefäß-Nervenbündel zu resezieren. Im Zweifelsfall gilt
es, der Radikaloperation unter Einschluß der Gefäßresektion
den Vorzug zu geben und sich nicht zu einer Dissektion im Adventitianiveau
zu entschließen. Der Ersatz eines resezierten Gefäßabschnittes
ist ein kalkulierbarer Eingriff. Die Therapie eines im Gefäß-Nervenbündel
lokalisierten Tumorrezidivs ist jedoch mit äußerst unsicheren
Erfolgsaussichten, was Extremitätenerhalt und nach R1-Resektion Langzeitüberleben
angeht, verbunden. Zur Rekonstruktion werden autologe Veneninterponate
bevorzugt [8]. Bei der Notwendigkeit Gefäßprothesen zu verwenden,
muß eine zusätzliche Sicherung der weichgeweblichen Deckung
durch gestielte oder freie myocutane Lappenplastiken als Infektionsschutz
erzielt werden. Sorge zu tragen ist auch für eine adäquate Rekonstruktion
der muskulären Funktion z. B. durch Sehnentransposition (Tabelle 2).
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Zur Gefäßkontrolle
sollten die typischen Zugänge der rekonstruktiven Gefäßchirurgie
bei arterieller Verschlußkrankheit Verwendung finden. Dies vor allem
auch deshalb, um bewährte Rekonstruktionsprinzipien zur Anwendung
zu bringen. Es bringt keinen Vorteil, nur ein möglichst kurzes Gefäßsegment
zu resezieren und zu ersetzen.
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Als Ersatz der Gefäße
des Retroperitoneums (Aorta, V. cava) und der Beckenetage (A. V. iliaca)
sind ePTFE-Prothesen Mittel der Wahl. Rekonstruktionen mit distaler Anastomosierung
im Unterschenkelbereich sollen mit einem Venenbypass der kontralateralen
V. saphena magna vorgenommen werden. Bei Rekonstruktionen im Oberschenkelbereich
sind ringverstärkte ePTFE-Prothesen nach ausgedehnter Resektion und
beim Fehlen stützender Muskulatur zu favorisieren [9]. Entscheidend
für die Materialwahl ist jedoch die zur Verfügung stehende weichgewebliche
Deckung und der Lokalbefund (exulzeriertes Sarkom, Z.n. Strahlentherapie).
Je höher das Risiko eines postoperativen Wundinfektes oder einer Lymphozelenbildung
desto eher sollte mit autologem Venenmaterial rekonstruiert werden. ePTFE-Prothesen
sind bevorzugt in extraanatomischer Position (durch das Foramen obturatorium,
am dorsalen Oberschenkel, von lateral zur infragenualen A. poplitea) zu
verlegen. Eine Interferenz mit postoperativer Hämatombildung oder
notwendiger Strahlentherapie kann so minimiert werden.
Ein venöser Gefäßersatz
hat lediglich eine passagere Funktion, bis eine ausreichende Kollateralisation
vorliegt. Nur in Ausnahmefällen bleibt ein venöses Gefäßinterponat
langfristig offen, so daß eine Thrombektomie bei Verschluß
jenseits von drei bis vier Wochen postoperativ nicht erforderlich ist.
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Essentieller Bestandteil der
Operationsplanung ist die weichgewebliche Deckung des Resektionsgebietes
[7,10]. Regionale gestielte myocutane Lappenplastiken und freie mikrovasculäre
Lappenplastiken sind in ihrer Indikationsstellung für einen spannungsfreien
Wundverschluß mit gut durchblutetem Gewebe großzügig heranzuziehen.
Beim Vorliegen eines lokalen Wundinfektes kommt auch die Transposition
des Omentum majus infrage.
Im eigenen Vorgehen wurden in
den letzten acht Jahren 23 Patienten wegen gefäßinvasiver Sarkome
nach den geschilderten Behandlungsprinzipien behandelt [11]. In 22 Fällen
konnte eine radikale Resektion erreicht werden (Tabelle 1). Histologisch
bestätigte sich eine Infiltration des neurovasculären Bündels
in allen Fällen. In 20 von 23 Fällen lag eine Gefäßinvasion
vor, bei den restlichen drei Patienten waren große Nervenstränge
infiltriert. Bei 5 Patienten trat ein Lokalrezidiv auf, das bei 3 der Patienten
reseziert werden konnte. Die mediane rezidivfreie Überlebenszeit betrug
54 Monate. Ein Extremitätenerhalt war bei 22/23 Patienten möglich.
Die mediane Gesamtüberlebenszeit betrug 48 Monate, wobei die metastasenfreie
Überlebenszeit lediglich 30 Monate betrug. Dies deutet an, daß
das entscheidende Problem der Patientengruppe mit gefäßinvasiven
Sarkomen darin besteht, nicht nur das lokal aggressive Wachstum, sondern
auch die Metastasierung zu kontrollieren. Unter diesen Prämissen ist
die organerhaltende Behandlung oberstes Gebot, um nicht durch einen verstümmelnden
Eingriff die Überlebenszeit der Patienten zusätzlich zu belasten.
An chirurgischen Spätfolgen
ist vor allem auf die Problematik von Lymphfisteln, Lymphocelen und Lymphödemen
hinzuweisen. Fünf der 18 Patienten nach Resektion von Extremitätensarkomen
waren auf das Tragen eines Kompressionsstrumpfes angewiesen. Andererseits
war das funktionelle Spätergebnis aus Sicht der Patienten sehr zufriedenstellend.
Bei einer Selbsteinschätzung
mit Hilfe des Toronto Extremity Salvage Score [12] betrug der Punktwert
83 von 100 möglichen. Der Test bewertet in erster Linie die Einschränkungen
im täglichen Ablauf (d. h. Gehen, Bücken, Knien, Treppensteigen)
Unter Anwendung erweiterter
Resektionstechniken nach präoperativer Therapie kann davon ausgegangen
werden, daß die postoperative Lokalrezidivrate niedrig ist und ein
gutes funktionelles Behandlungsergebnis erreicht wird. Prognosebestimmend
bleibt bei diesen Patienten die Kontrolle der systemischen Metastasierung.
Eine Amputation kann nur als Ultima ratio nach Ausschöpfen aller Behandlungsmöglichkeiten
infrage kommen und wurde im eigenen Vorgehen bisher nur bei einem Patienten
erforderlich.
Chirurgisch-onkologische,
gefäßchirurgische, plastisch-chirurgische Expertise muß
ebenso wie die medizinische Onkologie oder Radioonkologie zusammenfließen,
um ein optimales Behandlungsergebnis zu ermöglichen.
Literatur :
[1] Bruch HP. (1987) Weichgewebetumoren
der oberen Extremität. Chirurg 58: 450
[2] Eggermont AM, Schraffordt
Koops H, Lienard D, Kroon BB, van Geel AN, et al. (1996). Isolated limb
perfusion with high dose tumor necrosis factor alpha in combination with
interferon gamma and melphalan for irresectable extremity soft tissue sarcomas:
a multicenter trial. J Clin Oncol 14: 2653
[3] P.Hohenberger, W.Hohenberger
(1999). Extremitätenperfusion beim Weichgewebesarkom und malignen
Melanom. In: Kompendium Internistische Onkologie, H.J.Schmoll, K.Höffken,
K.Possinger (Hrsg.), Springer Verlag, S.2475-2488
[4] P.Reichardt, J.Tilgner,
P.Hohenberger, B.Dörken (1998). Dose-intensive chemotherapy with ifosfamide,
epirubicin, and filgrastim for adult patients with metastatic or locally
advanced soft tissue sarcoma resulting in prolonged survival: a phase II
study
J.Clin.Oncol. 16: 1438-1443
[5] Issels RD, Prenninger
SW, Nagele A, Boehm E, Sauer H, et al. (1990). Ifosfamide plus etoposide
combined with regional hyperthermia in patients with locally advanced sarcomas:
a phase II study. J Clin Oncol 8: 1818
[6] Barkley HT, Jr., Martin
RG, Romsdahl MM, Lindberg R, Zagars GK. (1988). Treatment of soft tissue
sarcomas by preoperative irradiation and conservative surgical resection.
Int J Radiat Oncol Biol Phys 14: 693
[7] Eggermont AMM,
Schraffordt-Koops H., Klausner JM, et al. (1999). Limb salvage by isolated
limb perfusion (ILP) with TNF and melphalan in patients with locally advanced
soft tissue sarcomas: outcome of 270 ILPs in 246 patients. Proc.ASCO
18: 2067
[8] P.Hohenberger (1998).
Chirurgische Technik und chirurgisch-onkologische Taktik bei Tumoren der
Weichgewebe und Extremitäten mit Gefäßbeteiligung. Chirurg
69: 19-27
[9] P.Hohenberger (1999).
Rekonstruktive Gefäßchirurgie im Rahmen erweiterter Tumorchirurgie.
In ‘HANDBUCH DER GEFÄßCHIRURGIE’, W.Hepp, Kogel, Kortmann (Hrsg.),
Urban & Schwarzen-berg, München
[10] Steinau HU, Hussmann
J, Hebebrand D (1993). Rekonstruktionsmöglichkeiten nach erweiterter
Resektion maligner Weichteilgeschwülste. Chirurg 64: 517-526
[11] P. Hohenberger,
J.R. Allenberg, P.Reichardt, P.M. Schlag (1998). Results of surgery and
multimodal therapy for soft tissue sarcoma invading to neuro-vascular bundles.
Cancer 85: 396-408
[12] Davis-AM; Wright-JG;
Williams-JI; Bombardier-C; Griffin-A; Bell-RS (1996). Development
of a measure of physical function for patients with bone and soft tissue
sarcoma.
Qual-Life-Res. 5: 508-16
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