Gastrointestinale
Stromatumoren (GIST) -
Tumorentität und Therapie mit Imatinib |
|
01.
Zusammenfassung
02. Einleitung
03. Histologie
und Pathophysiologie
04. Epidemiologien
05. Primärtumorlokalisation
und Erstsymptome
06. Dignität
und Prognose
07. Metastasierungsmuster
08. Bildgebende
Darstellung
09. Therapie
10. Medikamentöse
Therapie
11. Besonderheiten
der Bildgebung als Therapiekontrolle
12. Chirurgische
Therapie unter Imatinib
13. Adjuvante
oder neoadjuvante Therapie
14. Literatur
Univ.-Prof. Dr.med. Peter Hohenberger1, Dr.med. Peter Reichardt2,
Priv.-Doz. Dr.med. Christian Stroszczynski3, Dr.med. Ulrike
Schneider4,
Univ.-Prof. Dr.med. Dieter Kurt Hossfeld5
Klinik für Chirurgie
und Chirurgische Onkologie
(Direktor: Prof. Dr.med. Dr.med.h.c. P. M. Schlag)1
Medizinische Klinik
für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie
(Direktor: Prof. Dr.med. B. Dörken)2,
Abteilung für
Radiologische Diagnostik und Interventionelle Radiologie
(Direktor: Prof. Dr.med. Dr.med.h.c. R. Felix)3
Bereich Pathologie
(Direktor: Prof. Dr.med. M. Dietel)4
Robert-Rössle
Klinik für Onkologie
Universitätsklinikum Charité, Campus Berlin-Buch, Humboldt-Universität
zu Berlin
Abteilung Hämatologie
und Onkologie, Klinikum Eppendorf, Universität Hamburg (Direktor:
Prof. Dr.med. D.K. Hossfeld)5
Anschrift für
die Verfasser
Univ.-Prof. Dr.med. Peter Hohenberger
Klinik für Chirurgie und Chirurgische Onkologie
Charité, Campus Berlin-Buch
Humboldt Universität Berlin
Lindenberger Weg 80, 13125 Berlin, Germany
email: hohenberger@rrk-berlin.de
www.sarkome.de
01. Zusammenfassung
Die molekulare Charakterisierung Gastro-Intestinaler Stromatumore (GIST)
durch den Nachweis des c-kit Protoonkogens (CD117) hat diese Tumorentität
in den letzten 4 Jahren neu definieren und charakterisieren helfen. Die
Möglichkeit, den Tyrosinkinase-Rezeptor von c-kit durch einen Antagonisten
(STI 571, Imatinib mesylat, Glivec®) zu hemmen hat zu völlig
neuen Therapiestrategien vor allem im metastasierten Stadium geführt.
Die Tumoren breiten sich vorwiegend peritoneal und hepatisch aus, Lungenmetastasen
treten nur selten auf. Zugelassene orale Standardmedikation ist 400mg
Imatinib/d. Für die Kontrolle des Ansprechens eignen sich besonders
die Positronen-Emissionstomografie (PET) oder die kontrastmittelverstärkte
Kernspintomografie. Die Forschung für GIST ist derzeit noch stark
im Fluß und neue Ergebnisse für Diagnostik oder Therapie sind
kurzfristig zu erwarten. Vor dem Hintergrund der Seltenheit der Erkrankung
und der offenen Fragen sollten Patienten mit einem GIST weiterhin vorzugsweise
im Rahmen klinischer Studien oder an erfahrenen Zentren behandelt werden.
02. Einleitung
Weichgewebesarkome
sind eine heterogene Gruppe bösartiger Tumoren, die ca. 1% aller
Malignome ausmachen (Inzidenz ca. 2-3/100.000). Ungefähr 10-15% dieser
Sarkome haben ihren Ursprung im Magen-Darm-Trakt bzw. im Mesenterium.
Der überwiegende Teil der mesenchymalen gastrointestinalen Tumoren
ist den Gastro-Intestinalen Stromatumoren ("GIST") zuzuordnen,
die etwa 1998 als eigenständige Entität erkannt und definiert
wurden (1). Pathognomonisch für GIST ist der Nachweis von CD117 (c-kit)
auf der Zelloberfläche.

Spindelzelliger Typ eines Gastro-intestinalen Stromatumors (links,
H&E, 100x) sowie homogene, kräftige Expression von CD117 (rechts,
Vergr. 100x)
C-kit entspricht einem Typ III Rezeptor-Tyrosinkinase. Die dauerhafte
Aktivierung dieser Tyrosinkinase auf dem Boden verschiedener genetischer
Veränderungen ist als direkte Ursache für die Entstehung von
GIST anzusehen (2).
Bis zum Jahr 2000 bestand die einzige Behandlungsmöglichkeit dieser
seltenen Tumoren in der radikalen chirurgischen Resektion, eine cytotoxische
Chemo- oder Strahlentherapie sind unwirksam. Die Entdeckung, dass der
Tyrosinkinase-Inhibitor Imatinib-mesylat (STI571, Glivec®)
neben der Tyrosinkinaseaktivität des normalen c-abl Genproduktes,
des onkogenen Bcr-Abl Fusionsproteins und des platelet-derived growth
factor (PDGF) Rezeptors auch die Aktivität von c-kit hemmt, führte
zum Konzept einer gezielten Therapie der GIST mit Imatinib. Der dramatische
Erfolg dieser Therapie bei einem finnischen Patienten mit weit fortgeschrittenem
Tumor (3) führte im Frühjahr 2001 zur Initiierung multinationaler
klinischer Studien, die innerhalb kürzester Zeit 1500 Patienten rekrutierten
(4;5).
03. Histologie
und Pathophysiologie
GIST umfassen eine
Gruppe von mesenchymalen Tumoren, die in allen Teilen des tubulären
Gastrointestinaltraktes lokalisiert sein können. Die Morphologie
reicht von vorwiegend spindelzelligen (70-80%) bis zu epitheloiden (20-30%)
und selten pleomorphen Wachstumsmustern, deren Häufigkeit vom Ursprungsorgan
abhängig ist. Bis vor wenigen Jahren wurden GIST meist als leiomyogen
interpretiert und entsprechend als gastrointestinale Leiomyosarkome oder
Leiomyome klassifiziert. Heute bleiben lediglich für den Ösophagus
und das Rektum submucosal echte' Leiomyome eine relevante Diagnosekategorie.
Für GIST bestehen histogenetisch eindeutige Beziehungen zu den sogenannten
"Cajal-Zellen", denen eine Schrittmacherfunktion für die
Motorik des Darmes zugeschrieben wird. Deshalb wird von einer gemeinsamen
Vorläuferzelle' von Cajal Zellen und GIST ausgegangen (6-9).
Die GastroIntestinalen Autonomen Nerventumoren (GANT) sind als ultrastrukturell
neural differenzierte Variante ebenfalls den GIST zuzuordnen (10). Zwingendes
diagnostisches Kriterium für GIST ist der Nachweis einer Expression
von CD117 (Abbildung 1). CD34 ist bei ca. 70% der Tumoren nachweisbar,
glattmuskuläres Actin in 20-30% der Fälle. Eine fokale S-100
Positivität besteht in lediglich 10%, wogegen eine Desmin-Expression
die Ausnahme darstellt (11-13).
CD117 oder c-kit ist das zelluläre Homolog des Onkogens v-kit, welches
erstmals 1986 im HZ4-Katzensarkom-Virus nachgewiesen wurde (kit = kitten,
Kätzchen) (14). Das c-kit Proto-Onkogen, lokalisiert auf Chromosom
4q11-21, kodiert für eine Rezeptor-Tyrosinkinase, als deren Ligand
1990 der sogenannte Stammzellfaktor (SCF) identifiziert wurde. CD117 ist
u.a. auf Knochenmarkstammzellen, Mastzellen, Melanozyten, Keimzellen und
Cajal-Zellen nachweisbar. Darüber hinaus findet sich CD117 auch in
wechselndem Ausmass auf Tumorzellen von kleinzelligen Bronchialkarzinomen
und Melanomen sowie verschiedenen Sarkomen (10;15). Entscheidend für
die Pathogenese scheint jedoch nicht der Nachweis von CD117 per se zu
sein, sondern eine aktivierende ("gain of function") Mutation
im Rezeptor - am häufigsten im Exon 11, seltener in Exon 9, 13 oder
17 - die zu einer kontinuierlichen ligandenunabhängigen Aktivität
der Tyrosinkinase führt (12),(16). Folgen dieser Daueraktivierung
sind unkontrollierte Proliferation und Schutz vor Apoptose.
04. Epidemiologie
GIST sind sehr selten.
Aufgrund der erst kürzlich erfolgten eindeutigen Definition liegen
keine zuverlässigen Daten zur Häufigkeit der Erkrankung vor.
Zu berücksichtigen ist eine hohe Dunkelziffer fehlklassifizierter
Tumoren, aber auch Unklarheit, ob alle GIST eine - wenn auch z.T. sehr
geringe Potenz - eines malignen Verlaufs mit Metastasierung haben. Derzeit
ist von einer Inzidenz von ungefähr 2 Fällen pro 100.000 Einwohner
auszugehen. Somit können für Deutschland ca. 1500 Neuerkrankungen
pro Jahr erwartet werden. Das mediane Alter bei Erkrankungsbeginn liegt
zwischen 55 und 65 Jahren. In unserem Krankgut (n=141, Tabelle 1) sind
Männer mit 62% häufiger betroffen als Frauen, das mittlere Erkrankungsalter
beträgt 60 Jahre, der jüngste Patient ist 16 Jahre alt (17).
05. Primärtumorlokalisation
und Erstsymptome
Die meisten GIST
entstehen im Magen oder Duodenum gefolgt vom übrigen Dünndarm.

Lokal begrenzter
GIST Primärtumor im Bereich des Magencorpus
Tabelle
1: Verteilung der Primärtumorlokalisationen
| |
Literaturdaten* |
Eigene
Daten(n=141) |
Ösophagus |
bis
5 %* |
2.3% |
| |
|
|
| Magen |
39
bis 70 %* |
32% |
| |
|
|
| Duodenum |
|
6% |
| |
|
|
Dünndarm |
20 bis 35 %* |
35% |
| |
|
|
| Kolon
+ Rektum |
5
bis 15 %* |
7% |
| |
|
|
| Omentum,
Mesenterium |
bis
9 %* |
17.7% |
* Zusammenstellung
nach (10;12;18;22)
Selten haben sie
ihren Ursprung in Kolon, Rektum oder Ösophagus. Vereinzelt wurde
auch über primäre GIST des Mesenteriums/Retroperitoneums bzw.
primär peritoneale GIST berichtet.
Die primären Symptome von Patienten mit GIST hängen von der
Tumorgrösse und der Primärtumorlokalisation ab. Ein signifikanter
Anteil von kleinen und asymptomatischen Tumoren wird zufällig bei
Cholezystektomien oder Eingriffen wegen anderer Malignome entdeckt. Die
häufigsten Symptome bei Tumoren im Magen oder Duodenum sind Schmerzen
(50-70%) und gastrointestinale Blutung (20-50%). Dünndarmtumoren
führen vor allem zu Schmerzen, Blutung oder Obstruktion (10;17).
Bei Primärlokalisation im Ösophagus führt häufig eine
Dysphagie zum ersten Arztbesuch. Im eigenen Krankengut waren die meisten
Tumoren zufällig entdeckt worden 20%, davon 4% im Rahmen der Nachsorge
anderer Malignome. Schmerzen und Blutung/Anämie (je 16%), Obstruktion
(15%), Perforation (10%) waren weitere Symptome die zur Erstdiagnostik
führten. Ein primär durch die Metastasierung aufgefallenes Leiden
wurde bei 8% der Patienten diagnostiziert (17;18).
06. Dignität und Prognose
Die grundlegende
Änderung im Verständnis der Pathogenese von GIST wirft die Frage
auf, ob nicht alle GIST ein gewisses Metastasierungspotential haben. Neben
den klinisch malignen GIST weisen auch als benigne eingestufte Tumoren
grundsätzlich c-kit-Mutationen auf, die mit einer gesteigerten Tyrosinkinase-Aktivität
einhergehen (16). Diesen Mutationen kommt eine entscheidende Rolle bei
der Pathogenese der Erkrankung zu, so dass sich die rezeptor-unabhängige
Proliferationsstimulation wahrscheinlich in allen GIST manifestiert. Die
Frage nach benignen GIST muß prospektiv neu untersucht werden. Die
Unsicherheiten in der Bewertung des biologischen Verhaltens von GIST findet
auch in der aktuellen Nomenklatur ihren Niederschlag, in der die Bezeichnungen
benigne/maligne ersetzt werden durch eine Einschätzung des Risikos
eines malignen Verlaufs (gering/intermediär/hoch) (13;19;20). In
einer jüngst publizierten Analyse von 48 Patienten wurden folgende
histologischen Faktoren als prognostisch günstig in Bezug auf rezidivfreies
Überleben ermittelt: spindelzelliger Tumortyp, Größe bis
5 cm, weniger als 3 Mitosen/30 HPF, missense Mutation des Exon 11 (21).
Diese Parameter entsprechen nur partiell den bisher vorliegenden Daten
retrospektiver Analysen (22). Bei fortgeschrittenen GIST hängt die
Prognose vom Vorhandensein eines Lokalrezidives oder Metastasen ab.
Tabelle
2: Primärtumorcharakteristika mit unterschiedlicher Prognose
| Prognose |
Günstig
|
Intermediär
|
Ungünstig |
| Histologischer
Typ |
spindelzellig |
epitheloidzellig |
gemischter
Typ |
| Mitosenzahl
/ HPF |
<
3 |
>3
- < 15 |
>
15 |
| KIT
Mutationstyp |
Missense
Mutation Exon 11 |
Deletion,
Insertion Exon 11 |
Mutationen
Exon 9 oder 13 |
| Tumorgröße |
<
5 cm |
5
- 10 cm |
>
10 cm |
| Geschlecht
|
weiblich
|
|
männlich |
* HPF= high-power
field', nach (21;22)
07. Metastasierungsmuster
GIST metastasieren
praktisch nicht in die regionalen Lymphknoten ihres Ursprungsorgans. Etwa
die Hälfte der Patienten mit neudiagnostiziertem GIST weisen bereits
Fernmetastasen auf. Dabei sind die häufigsten Metastasierungsorte
Leber und Peritoneum. Lunge, Lymphknoten oder Knochen sind nur sehr selten
betroffen.

Peritoneale Metastasierung
eines GIST
Tabelle 3: Prognose
in Abhängigkeit vom Ausbreitungsstadium
|
Ausbreitungsstadium
|
Häufigkeit
(n=200) |
Mediane
Überlebenszeit |
| Primärtumor |
46
% |
60
Monate |
| Lokalrezidiv |
7
% |
12
Monate |
|
Metastasiert
Nur Metastasen
Primärtumor + Metastasen
Lokalrezidiv + Metastasen
|
47 %
25 %
13 %
9 %
|
19 Monate
22 Monate
23 Monate
9 Monate
|
nach (18), alle Behandlungsergebnisse
ohne den Einsatz von Imatinib
Lokalrezidive und
lokoregionäre Rezidive sind häufig. Im eigenen Krankengut trat
bei Patienten, bei denen ein organüberschreitender GIST nur durch
multiviszerale Resektion entfernt werden konnte, das Tumorrezidiv innerhalb
von 12 Monaten auf.
08. Bildgebende Darstellung
Kleinere Primärtumoren
(< 3 cm) sind in der Regel als weichteildichte, häufig homogene
noduläre Strukturen apparent und unterscheiden sich hinsichtlich
der Röntgendichte oder dem MRT-Signal nicht trennscharf von malignen
Lymphomen oder Leiomyomen. Bildgebend sichere Malignitätskriterien
sind somit die Infiltration in umgebende Organe oder die Fernmetastasierung.
Aufgrund der submukösen und intramuralen Lage der GIST sowie des
exophytischen Wachstums werden GIST jedoch häufig erst ab einer Größe
über einige Zentimeter klinisch manifest. Hierbei ist regelmäßig
ein zweischichtiger Aufbau mit zentraler Nekrose und einem variabel perfundierten
Mantel erkennbar. Bei Primärtumoren des Ösophagus, des Magen
oder des Dünndarms sollte die CT entsprechend optimiert (Hydro-CT
Technik für Magen und Duodenum, ggf. CT-Sellink-Technik für
Dünndarmmanifestationen) erfolgen. In der MRT können ebenfalls
durch eine orale Kontrastierung sowie die Gabe von Buscopan ®
störende Artefakte vermieden werden.
Metastasen: Lebermetastasen zeigen ähnliche Phänomene wie die
Primärtumoren: Es handelt sich in der Regel um umschriebene Raumforderungen,
die entweder gleichmäßig perfundiert sind oder einen zweischichtigen
Aufbau (Zentrum: nicht perfundiert, z.T. nekrotisch, zystisch oder eingeblutet,
Rand: gut perfundiert) vorweisen. Relativ typisch ist ein buntes Bild
mit differenter Signalintensität und Binnenstruktur oft multiplen
Filiae. Bei variabler Perfusion und der gesunden Leber ähnlichen
Röntgendichte der Lebermetastasen ist die MRT mit leberspezifischen
Kontrastmitteln die Methode der Wahl. MRT mit schnellen Gradienten sind
ebenfalls gut geeignet, peritoneale Metastasen zu detektieren, jedoch
ergeben sich hier Vorteile für die CT. Zur Abgrenzung von physiologischen
Dünndarmschlingen ist hier methodisch ebenfalls auf eine akkurate
Lumenkontrastierung (orale Kontrastmittel bzw. Sellink-CT) zu achten.
Verlaufskontrolle: Für das Monitoring der Therapie mit Imatinib haben
die Schnittbildverfahren aufgrund der Übersichtlichkeit und des asynchronen
Verhaltens der GIST-Manifestationen einen festen Stellenwert. Bei GIST-Manifestationen
ist die ausschließliche Größenbestimmung der Tumoren
unzureichend für die Beurteilung des Ansprechens. Intratumorale Einblutungen
können häufiger zu einer vorübergehenden Volumenzunahme
der Tumoren trotz Ansprechens auf die Therapie führen. Charakteristische
Befunde wie zystische Einschmelzungen oder Abnahme der Tumorperfusion
bei Response werden optimal durch die kontrastmittelgestützte MRT
dargestellt.

Typische GIST Morphologie in der kontrastmittelgestützten CT (Dünndarmmanifestation):
der Primärtumor zeigt eine zentrale Nekrose und einen gut vaskularisierten
Saum, die Blaseninfiltration kann als Malignitätszeichen gelten.
09. Therapie
Chirurgie des
Primärtumors
Die chirurgische Therapie von GIST-Primärtumoren hängt von der
Lokalisation ab. GIST des Magens können abhängig von der Tumorgröße
meist durch Magenteilresektion mit ca. 2cm Sicherheitsabstand entfernt
werden. Bei kleinen Tumoren (< 3 cm) kann eine Magenwandresektion ausreichend
sein, die in Abhängigkeit von der Lokalisation des Tumors, ggf. auch
laparoskopisch erfolgen kann. Größere Tumoren müssen durch
entsprechend funktionelle Magenresektion entfernt werden. Eine Indikation
zur Gastrektomie ist in Abhängigkeit von der Tumorgröße,
aber nicht aus Prinzip gegeben.
Bei GIST-Tumoren des Dünndarms ist eine Segmentresektion des tumortragenden
Abschnittes mit einem Sicherheitsabstand von 2 bis 5 cm ausreichend. Eine
ausgedehnte Lymphknoten-dissektion oder auch erweiterte Darmresektion
kann angesichts der extrem niedrigen Inzidenz lymphogener Metastasen nicht
empfohlen werden. Klinisch vergrößerte Lymphknoten sollten
als Teil des segmentalen Resektats entfernt werden. Für GIST- des
Kolorektums gelten im Prinzip die gleichen Kriterien wie für GIST-
des Dünndarms. Eine segmentäre Resektion ist ausreichend, es
sollten die zugehörigen Lymphknoten mitentfernt werden.
Lokoregionär fortgeschrittene GIST-Tumoren mit Infiltration angrenzender
Organe konnten bisher nur durch multiviszerale Resektion behandelt werden.
Typische Lokalisationen hierfür sind das Rektum, die linke Kolonflexur
bzw. distales Duodenum/proximales Jejunum. Sehr häufig kommt es aufgrund
einer intraoperativ nicht entdeckten peritonealen Dissemination rasch
zu einem Tumorrezidiv. Bei einer derartigen Konstellation sollte primär
eine systemische Therapie mit Imatinib diskutiert und der Patient in einem
erfahrenen Zentrum vorgestellt werden .
10. Medikamentöse
Therapie
Bis vor kurzem existierte
keine wirksame systemische Therapie für fortgeschrittene oder metastasierte
GIST. Versuche der Mono- oder Polychemotherapie resultierten in Ansprechraten
unter 5 %. Imatinib (STI571 = Glivec®) ist ein rational
entwickeltes (23;24), oral applizierbares Phenylaminopyrimidin-Derivat,
dessen Wirkmechanismus in einer kompetitiven Blockade der ATP-Bindungsstelle
spezifischer Tyrosinkinasen besteht (www.asco.org/meeting
2001/). Diese umfassen selektiv abl, Bcr-abl, c-kit und den PDGF-Rezeptor.
Aufgrund der direkten pathogenetischen Bedeutung der Bcr-abl Translokation
für die Entstehung der chronisch myeloischen Leukämie (CML)
wurde Imatinib zunächst bei dieser Erkrankung untersucht. Die Therapie
erwies sich als wirksam sowohl in der chronischen Phase der CML als auch
in der Blastenkrise (25;26). Hierbei fand sich eine positive Dosis-Wirkungs-Beziehung,
bei der 400 mg Imatinib pro Tag als empfohlene Dosierung etabliert wurde
(27;28).
Therapie mit Imatinib
Die erste Behandlung mit Imatinib bei einem GIST erfolgte bei einer 50-jährigen
Patientin wegen Lebermetastasen nach erfolgloser Polychemotherapie. Bereits
nach 2 Wochen zeigte sich eine eindrucksvolle Rückbildung der Metastasen
und bis Februar 2001 verschwanden nahezu alle Tumoren unter fortgesetzter
Therapie (3). Basierend auf diesem Behandlungserfolg wurden zwei multizentrische
Studien zur Frage der Verträglichkeit, der Dosierung und der Wirksamkeit
von Imatinib bei Patienten mit fortgeschrittenen gastrointestinalen Stromatumoren
in den USA und in Europa begonnen. In der amerikanischen randomisierten
Phase II-Studie wurden 400 bzw. 600 mg Imatinib pro Tag eingesetzt (4).
Von 147 Patienten waren 145 auswertbar. Es zeigten sich bei 54 % eine
partielle Remission bei einer Tendenz zu höherer Effizienz von 600
mg Imatinib pro Tag. 26 % der Patienten hatten eine stabile Erkrankung
und lediglich 13 % waren unter der Therapie progredient. Eine komplette
Remission wurde nicht erreicht. 18 % der Patienten, die zunächst
auf die Therapie mit Imatinib angesprochen hatten zeigten im weiteren
Verlauf eine erneute Progression ihrer Erkrankung (4). Interessant sind
in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der c-kit - Mutationsanalyse, die
bei einem Teil der Patienten durchgeführt worden war. Es zeigte sich,
dass Patienten mit einer Mutation im Exon 11, die bei 68 % der Patienten
gefunden wurde, eine Ansprechrate von 72 % aufweisen, wogegen Patienten
ohne nachweisbare Mutation nur in 12 % auf die Therapie mit Imatinib ansprachen.
Das Risiko eines initialen Therapieversagen war ohne kit-Mutation 8-fach
erhöht im Vergleich zu einer Mutation im Exon 11 (21).
Weiterhin liegen Ergebnisse einer Phase II - Studie der EORTC Soft Tissue
and Bone Sarcoma Group vor. Die Ansprechrate von 71 % für die Gruppe
der 28 GIST-Patienten bestätigt die hohe Wirksamkeit der Therapie.
Demgegenüber fand sich bei 23 Patienten mit Weichteilsarkomen, die
keine Expression von c-kit oder PDGF Rezeptor aufwiesen in keinem Fall
ein Ansprechen (5). Patienten, die initial an tumorbedingten Symptomen
gelitten hatten verspürten eine Rückbildung der Beschwerden,
häufig bereits innerhalb einer Woche [13]. Ergebnisse zweier großer
multizentrischer Phase III-Studien des National Cancer Institute (NCI)
der USA und der EORTC mit 400 mg versus 800 mg Imatinib pro Tag mit über
1500 randomisierten Patienten sind 2003 zu erwarten.
Aufgrund der berichteten Datenlage erfolgte am 31. 5. 2002 die europaweite
Zulassung von Imatinib (Glivec®) für die Behandlung fortgeschrittener
oder metastasierter gastrointestinaler Stromatumoren in einer Dosierung
von 400 mg.pro Tag.
Eine offene Frage ist, inwieweit mit Imatinib ein Behandlungserfolg unter
lebenslanger Therapie oder gar eine endgültige Heilung erreicht werden
kann. Nach einer jüngsten Analyse von 47 Patienten unter Imatinib
mit einer Beobachtungszeit von mindestens 18 Monaten zeigte sich ein kontinuierliches
Absinken des Anteils progressionsfreier Patienten. Nach 6 Monaten waren
91%, nach 12 Monaten 79% und nach 18 Monaten 71% in kontrollierter Erkrankungssituation,
ohne dass ein Plateau erkennbar ist. Die Verlängerung der Überlebenszeit
ist jedoch beträchtlich - aus Daten der EORTC von Patienten mit einem
GIST (retrospektiv als solche erkannt), die im Rahmen von Studien zur
systemischen Chemotherapie behandelt worden waren, ergab sich eine mediane
Überlebenszeit von nur 10 Monaten.
Nebenwirkungen
der Therapie mit Imatinib
Die häufigsten, meist gering (Grad 1-2 nach NCIC) ausgeprägten
Nebenwirkungen bestanden in Ödemen bei 74%, Übelkeit bei 52%,
Diarrhoe bei 44% und Myalgien bei 39%, Fatigue bei 34%, Hautausschlägen
bei 30%, Erbrechen bei 11 der 40 Patienten. Höhergradige Toxizitäten
vom Grad 3 oder 4 traten in allen Studien bei 20% der Patienten auf. Für
gastrointestinale oder abdominale Blutungen, Hepatotoxizität, oder
Neutropenie ist von einer Häufigkeit von bis 5 % auszugehen (4).
Die höhere Dosierung führte etwas häufiger zu höhergradigen
Nebenwirkungen und damit häufiger zur Notwendigkeit einer Dosisreduktion.
Interessanterweise findet sich bei längerfristiger Therapiedauer
(> 1 Jahr) eine Reduktion des Schweregrades einiger Nebenwirkungen.
Inwieweit dies durch eine veränderte Pharmakokinetik mit Enzyminduktion
begünstigt wird, wird derzeit untersucht.
Behandlungsdauer
Eine offene Frage ist die Dauer der Behandlung. Inwieweit mit Imatinib
ein dauerhafter Behandlungserfolg unter lebenslanger Therapie oder gar
eine endgültige Heilung erreicht werden kann kann derzeit nicht entschieden
werden. Die Behandlung sollte bei Fehlen limitierender Nebenwirkungen
in voller Dosierung bis zum zweifelsfreien Nachweis einer Progression
fortgesetzt werden.
11. Besonderheiten der Bildgebung
als Therapiekontrolle
PET-Untersuchungen
(18F-FDG-PET) vor Einleitung der Therapie zeigen fast immer
einen massiv gesteigerten Glukose Metabolismus in den Tumormanifestationen.
Bei 8 von 11 Patienten der europäischen Phase I Studie kam es nach
einer Woche Therapie zu einer kompletten Remission (keine Glucoseaufnahme
mehr) im PET. Das Ergebnis der PET-Untersuchung korreliert mit dem klinischen
Befinden der Patienten und ist korrekt prädiktiv für das nach
acht Wochen Therapie mit konventioneller Bildgebung nachzuweisende Ansprechen
(5). Es ist davon auszugehen, dass ein positiver Therapieeffekt schon
nach 24 bis 48 Stunden dokumentiert werden kann. Ein Abfall des SUV (standard
uptake value) Wertes auf unter 2 innerhalb der ersten 40 Tage nach Therapiebeginn
sagte ein (auch verzögert nachweisbares) Ansprechen bei 79% der Patienten
voraus, Die Grössenbestimmung durch CT oder MRT als Grundlage der
Beurteilung des Ansprechens auf die Therapie ist oft irreführend,
da eine zystische Umwandlung oder intratumorale Blutung Größenkonstanz
dokumentiert, der Tumorstoffwechsel ist jedoch vollständig zum Erliegen
gekommen.

PET-Untersuchung vor (links) und nach 6 Monaten Therapie mit Imatinib
bei subhepatischem, vom Duodenum ausgehenden GIST (Rückgang der standard
uptake values (SUV) von 8.2. auf 3.4)
12. Chirurgische Therapie
unter Imatinib
Bisher wurden ausschließlich
Patienten mit inoperablen /oder metastasierten GIST einer Therapie mit
Imatinib unterzogen. Intratumorale Einblutungen (Rhexisblutung bei Tumorrückbildung)
sind relativ häufig und können erhebliche Bluttransfusionen
erforderlich machen. Die sofortige Revision sollte zugunsten einer sekundären
Hämatomausräumung zurückgestellt werden, da unter Imatinib
meist eine Hyperfibrinolyse mit teils excessiver Erhöhung der D-Dimere
nachgewiesen werden kann. Muß akut wegen Tumorruptur laparotomiert
werden, so ist es oft nur über Bauchtuchtamponaden möglich,
die Blutungssituation zu beherrschen.
Hinsichtlich der Resektion von Tumorresiduen nach erfolgreicher Vorbehandlung
liegen bislang keine ausreichenden Erfahrungen vor. Dennoch sollte dieses
Vorgehen stets in Betracht gezogen werden. Die Resektion von progredienten
Tumoren unter Therapie mit Imatinib stellt aufgrund der peritumoralen
Hypervaskularisation eine Herausforderung für Chirurgie und hämostaseologisches
Labor dar, die erfahrenen Zentren vorbehalten bleiben sollte.
13. Adjuvante oder neoadjuvante
Therapie
Eine adjuvante oder
neoadjuvante Therapie von GIST mit Imatinib ist bisher nicht etabliert,
entsprechende Studienprotokolle werden derzeit international vorbereitet.
Sollten sich die Kriterien des hohen Metastasierungsrisikos an einem größeren
Krankengut bestätigen (Tabelle 2), könnte sich hieraus eine
Indikation zur adjuvanten Therapie nach Resektion des Primärtumors
ableiten lassen. Aufgrund der außerordentlich hohen Wirksamkeit
von Imatinib sollte bei lokal fortgeschrittenen, nicht oder nur durch
multiviszerale Resektion operablen Tumoren überlegt werden, primär
eine systemische Therapie unter neoadjuvanter Zielsetzung durchzuführen.
Eine R1- oder R2 Resektion sollte unterbleiben, da für Imatinib keine
Erfahrungen unter derartigen Bedingungen vorliegen.
14. Literatur
| 1. |
Kindblom LG,
Remotti HE, Aldenborg F, Meis-Kindblom JM. Gastrointestinal pacemaker
cell tumor (GIPACT): gastrointestinal stromal tumors show phenotypic
characteristics of the interstitial cells of Cajal. Am.J.Pathol. 1998;152(5):1259-69. |
| |
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| 2. |
Sakurai S,
Fukasawa T, Chong JM, Tanaka A, Fukayama M. C-kit gene abnormalities
in gastrointestinal stromal tumors (tumors of interstitial cells of
Cajal. Jpn.J.Cancer Res. 1999;90(12):1321-8. |
| |
|
| 3. |
Joensuu H,
Roberts PJ, Sarlomo-Rikala M, Andersson LC, Tervahartiala P, Tuveson
D et al. Effect of the tyrosine kinase inhibitor STI571 in a patient
with a metastatic gastrointestinal stromal tumor. N.Engl.J.Med. 2001;344(14):1052-6. |
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| 4. |
Demetri GD,
von Mehren M, Blanke CD, Van den Abbeele AD, Eisenberg B, Roberts
PJ et al. Efficacy and safety of imatinib mesylate in advanced gastrointestinal
stromal tumors. N.Engl.J.Med. 2002;347(7):472-80. |
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van Oosterom
AT, Judson I, Verweij J, Stroobants S, Donato-di-Paola E, Dimitrijevic
S et al. Safety and efficacy of imatinib (STI571) in metastatic gastrointestinal
stromal tumours: a phase I study. Lancet 2001;358(9291):1421-3. |
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Schlüsselwörter:
Gastrointestinaler Stromatumor, CD117, Tyrosinkinase-Inhibition, c-kit,
STI571 (Imatinib, Glivec®)
Summary
Keywords
gastrointestinal stromal tumor (GIST), CD117, tyrosine kinase inhibitor,
c-kit, STI571, imatinib mesylate
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