|
Allgemeine Überlegungen zur
Therapie von Weichgewebesarkomen
1. Therapiekonzepte
beim Weichgewebssarkom
2. Operabler
Tumor ohne Metastasen
3. Lokal
fortgeschrittene und inoperable Sarkome ohne Metastasen
1. Therapiekonzepte beim Weichgewebssarkom:
Kaum ein maligner Tumor bedarf
einer interdisziplinären Behandlungsplanung so entscheidend, um zu
guten Therapieergebnissen zu kommen, wie das Weichgewebesarkom. Es existieren
verschiedene etablierte Therapieverfahren des Weichgewebesarkomes, die
je nach Ausbreitungsstadium einzeln oder kombiniert eingesetzt werden.
Hierzu gehören vor allem Operation, isolierte Extremitätenperfusion,
Chemotherapie und Bestrahlung ("Radiatio"). Andere Verfahren befinden sich
noch in der Erprobung in klinischen Studien (z.B. regionale Überwärmung
= "Hyperthermie").
2. Operabler Tumor ohne Metastasen:
Die Primärbehandlung
der lokalisierten Weichteilsarkome ist die radikale
chirurgische Entfernung nach histologischer Sicherung, vorzugsweise
in erfahrenen Zentren. Bei inadäquater (inkompletter) Erstoperation
muß ggf. eine Re-Excision erfolgen. In Abhängigkeit von der
Radikalität des Eingriffs ist mit einem Tumorrückfall ("Lokalrezidiv")
zu rechnen. Aus diesem Grund ist eine Nachbestrahlung dann obligat, wenn
die Resektionsränder nur knapp im Gesunden waren oder es sich um einen
hochmalignen Tumjor (Grading 3) handelt. Erforderlich für die Strahlentherapie
ist der Einsatz von ausreichend hohen Dosen sowie Techniken zur Reduktion
lokaler Komplikationen. In besonderen Fällen und bei entsprechender
Erfahrung sind eine intraoperative Bestrahlung oder eine Bestrahlung mittels
operativ plazierter Afterloading-Systeme
vorzuziehen. Bei Inoperabilität aus medizinischer Indikation kann
in Ausnahmefällen, v. a. bei kleinen Tumoren (unter 5 cm), eine alleinige
Bestrahlung erwogen werden.
Trotz optimaler Lokaltherapie
ist bei Patienten mit hochmalignen ('high-grade',
Grading
2 oder 3) Tumoren, die extrakompartmental oder unter der oberflächlichen
Fascie lokalisiert sind und größer als 5 cm sind, in 40-60
% mit der Entwicklung von Metastasen,
insbesondere in der Lunge zu rechnen. Aus diesem Grunde kommt der Frage
einer adjuvanten Chemotherapie
besondere Bedeutung zu. Bislang wurden 14 Studien, die eine adjuvante Chemotherapie
mit einer unbehandleten Kontrollgruppe verglichen haben, publiziert. Die
Ergebnisse der Studien sind uneinheitlich und lassen keine endgültigen
Schlußfolgerungen zu. Mögliche Erklärungen für die
unterschiedlichen Ergebnisse sind die verschiedenen verwendeten Chemotherapieregime
- teils Mono-, teils Polychemotherapie -, differierende Eingangskriterien
und damit unterschiedliche Patientenkollektive, sowie die meist nur relativ
kleinen Fallzahlen. In einer kürzlich in aktualisierter Form publizierten
Metaanalyse an 1568 Patienten
aus allen 14 Studien auf der Basis individueller Patientendaten, zeigte
sich eine Verbesserung des metastasenfreien Intervalls und des rezidivfreien
Gesamtüberlebens um 10 %, was statistisch hoch signifikant war. Die
Verbesserung des Gesamtüberlebens um 4 % erreichte jedoch keine statistische
Signifikanz. Auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft für
Klinische Onkologie (ASCO) im Mai 1997 wurden erstmals die Ergebnisse der
Interimsanalyse einer italienischen Multicenter-Studie vorgestellt, die
eine sehr aggressive Chemotherapie (bislang einzige publizierte Studie
mit Ifosfamid) mit einer unbehandelten Kontrollgruppe vergleicht.
Es zeigte sich bei 100 behandelten Patienten eine signifikante Verbesserung
des Gesamtüberlebens in der Therapiegruppe, so daß die Studie
abgebrochen wurde. Kritikpunkte sind die kurze Nachbeobachtungszeit, die
kleine Fallzahl und die sehr ungünstige Überlebensrate in der
Kontrollgruppe, so daß auch hier noch keine endgültigen Schlußfolgerungen
zu ziehen sind. Insgesamt sollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine
adjuvante Chemotherapie außerhalb von Studien nicht durchgeführt
werden. Empfehlenswert ist eine Überweisung von geeigneten Patienten
an Zentren, die an entsprechenden Studien teilnehmen (EORTC-Studie
62931: Chemotherapie mit Adriamycin / Ifosfamid vs. Kontrolle. ["EORTC"]).
Lediglich Patienten mit Rhabdomyosarkomen, v. a. in jüngerem Lebensalter
und Patienten mit sogenannten klein-, rund- und blauzelligen Sarkomen aus
der Gruppe der Ewing-Tumoren
sollten
grundsätzlich eine Chemotherapie erhalten.
3. Lokal fortgeschrittene und lokal inoperable
Sarkome ohne Metastasen:
Für Patienten mit lokal
fortgeschrittenen, inoperablen Weichteilsarkomen ohne Nachweis von Fernmetastasen
kommen mehrere Therapieoptionen mit dem Ziel der Tumorverkleinerung und
anschließender radikaler
Operation in Betracht. Ein Standard ist nicht definiert.
Präoperative Bestrahlung:
Bei einer primären Strahlentherapie
sind sehr hohe Dosen erforderlich, so daß mit einer erhöhten
Rate an Wundheilungsstörungen zu rechnen ist. Der Einsatz von Radiosensitizern
ist rein experimentell.
Extremitätenperfusion:
Die isolierte
Extremitätenperfusion mit Zytostatika und/oder Zytokinen (Tumornekrosefaktor
alpha
und Melphalan), eventuell in Kombination mit Hyperthermie
ist ein Therapieverfahren, das wenigen spezialisierten Zentren vorbehalten
ist. Mit dieser Therapie ist bei ca. ¾ der behandelten Patienten
ein Extremitätenerhalt bei vorab inoperablen Tumoren erreichbar. Aus
methodischen Gründen kommt diese Behandlungsform nur bei Extremitätensarkomen
in Betracht.
Präoperative Chemotherapie:
Vorteile einer präoperativen
Chemotherapie sind die
frühe Elimination von eventuell vorhandenen, noch unbekannten (okkulten)
Fernmetastasen, ungestörte
Durchblutungssverhältnisse im Tumor, eine Reduktion der Primärtumorgröße
bei Ansprechen auf die Therapie und eine "Ssensibilitätsprüfung",
die Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der applizierten Chemotherapie
erlaubt. Trotz der theoretischen Vorzüge liegen zu dieser Fragestellung
bislang kaum vergleichende klinische Studien vor. Die Kombination von systemischer
Chemotherapie mit
regionaler
Tiefenhyperthermie bei lokal fortgeschrittenen Weichteilsarkomen wird
gegenwärtig im Rahmen einer Studie untersucht (EORTC-Studie
62961: Chemotherapie mit regionaler Hyperthermie vs. alleinige Chemotherapie.
["EORTC"]). Nach entsprechender
Verbehandlung ist in jedem Fall die radikale
Tumorresektion anzustreben, es sei denn, dass eine palliative Therapiesituation
vorliegt. Abhängig von der Art der Vorbehandlung gelten die Empfehlungen
bezüglich einer Nachbestrahlung
oder einer
adjuvanten
Chemotherapie. Vergleichende Untersuchungen zur Wertigkeit der unterschiedlichen
präoperativen Therapieverfahren liegen nicht vor, so daß die
Entscheidung für die eine oder andere Behandlungsform von der Verfügbarkeit
der Methodik und der Erfahrung des Therapieteams abhängt. Grundsätzlich
sollte die Behandlung ausschließlich in erfahrenen Zentren durchgeführt
werden !
Operables Lokalrezidiv ohne Metastasen:
Lokalrezidive
sollten grundsätzlich radikal
entfernt werden. Eine
Nachbestrahlung
ist unabhängig von der erreichten Radikalität obligat. Bezüglich
der adjuvanten Chemotherapie
gelten die Empfehlungen analog zu Primärtumoren. Bezüglich der
präoperativen Chemotherapie (z.B. auch Hyperthermiestudie)
s.
oben.
Nach
neueren Daten ist bei Patienten, die ein Lokalrezidiv erlitten haben in
erhöhtem Maße mit Metastasen
zu rechnen. Dies sollte bei der weiteren Diagnostik und Nachsorge berücksichtigt
werden.
Inoperables
Lokalrezidiv ohne Metastasen:
Es
gelten die Empfehlungen analog zu inoperablen
Primärtumoren.
Aufgrund
der erhöhten Wahrscheinlichkeit von Metastasen
erscheint eine
Chemotherapie
ggf. in Kombination mit Strahlentherapie Methode der ersten Wahl.
Fernmetastasen:
Bei Patienten mit Fernmetastasen
sollte, wenn möglich immer eine
Chemotherapie
durchgeführt werden. Die Behandlung sollte vorzugsweise im Rahmen
von klinischen Studien erfolgen. Bei der Entscheidung
zur Chemotherapie sind vor allem der Allgemeinzustand und das Alter des
Patienten sowie evtl. vorhandene Begleiterkrankungen zu berücksichtigen.
Patienten, die für eine aggressive Therapie in Frage kommen und bei
denen evtl. ein ergänzendes operatives Vorgehen in Frage kommt, sollten
im Rahmen von klinischen Studien mit einer aggressiven Kombinations-Chemotherapie
behandelt werden. Im Anschluß an die Chemotherapie ist grundsätzlich
zu prüfen, ob durch chirurgische Maßnahmen noch vorhandenes
Tumorgewebe (ggf. auch Primärtumor und Metastasen) entfernt
werden kann. Ein solches multimodales Therapiekonzept kann dann unter
potentiell kurativer Zielsetzung (d.h. mit dem Ziel einer Heilung) durchgeführt
werden. Als Standard-Therapie außerhalb von Studien wird häufig
eine Monochemotherapie mit
Adriamycin
75 mg/m² alle 3 Wochen angesehen. Ggf. kann auch eine Monotherapie
mit Ifosfamid durchgeführt
werden. Die Ansprechraten, die bei einer Monotherapie erreicht werden liegen
bei 15 bis 25 %. Remissionsraten unter Kombinationstherapien betragen 40%
bis über 50 %, wobei ca. 10 % komplette Remissionen
beobachtet werden - allerdings auf Kosten einer z.T. erheblichen Toxizität,
insbesondere Hämatotoxizität (Nebenwirkungen auf das blutbildende
Knochenmark). Die Überlegenheit einer Kombinationschemotherapie gegenüber
einer Monotherapie konnte bislang weder hinsichtlich der Remissionsdauer
noch der Überlebenszeit belegt werden. Allerdings wurde von mehreren
Autoren gezeigt, daß Patienten, die eine komplette Remission erreichen,
eine wesentlich längere Überlebenszeit haben. Vereinzelt können
sogar lang anhaltende Remissionen erzielt werden. Das früher häufig
verwendete CyVADIC-Schema sollte nicht mehr angewandt werden. Der Einsatz
von pädiatrischen Behandlungsprotokollen bei Weichteilsarkomen im
Erwachsenenalter ist aufgrund der völlig unterschiedlichen Verteilung
der histologischen Typen im allgemeinen nicht sinnvoll. Bei einem Therapieversagen
nach einer Anthrazyklin-Monotherapie
stellt Ifosfamid
eine geeignete
Zweitlinien ("second-line") Therapie dar. Für Patienten, die bereits
eine Kombinations-Chemotherapie erhalten haben, gibt es keine etablierte
Therapieoption. In diesen Fällen sollte ausschließlich im Rahmen
klinischer Studien behandelt werden. Die Kombination
von systemischer Chemotherapie und Ganzkörperhyperthermie
stellt ein experimentelles Verfahren dar, welches ausschließlich
im Rahmen kontrollierter Studien durchgeführt werden sollte. Derartige
Studienprotokolle werden durch die 'Intersdisziplinäre Arbeitsgruppe
Hyperthermie (IAH)' koordiniert (Kontakt Prof.Dr.Peter Wust, peter.wust@charite.de
.
[ Startseite
]
|