Was Patient:innen unbedingt über „personalisierte Krebsimpfungen“ wissen sollten.
Personalisierte Tumorvakzinen – häufig auch als „personalisierte Krebs-Impfungen“ bezeichnet – sind ein interessanter und ernst zu nehmender Forschungsansatz in der Krebsmedizin. Dazu gehören unterschiedliche Verfahren, zum Beispiel Neoantigen-Vakzinen. Einige dieser Vakzinen basieren auf mRNA-Technologie. Auch Patientinnen und Patienten mit Sarkomen stoßen zunehmend auf solche Angebote. Einige Kliniken und kommerzielle Anbieter bieten personalisierte Tumorvakzinen bereits außerhalb klinischer Studien an – teilweise zu sehr hohen privaten Kosten.
Unsere klare Position
Wichtig: Bei Sarkomen ist bisher nicht ausreichend bewiesen, dass personalisierte Tumorvakzinen tatsächlich wirken. Deshalb gehören solche Behandlungen derzeit in klinische Studien.
Wir raten Patientinnen und Patienten mit Sarkomen ausdrücklich davon ab, außerhalb einer klinischen Studie hohe private Geldbeträge für eine solche Vakzine zu bezahlen – besonders dann, wenn dafür eine bewährte Behandlung verschoben oder abgebrochen werden soll. Die Not schwerkranker Menschen darf kein Geschäfts-modell sein!
- „Personalisiert“ bedeutet nicht automatisch „wirksam“.
- „Vakzine“ bedeutet nicht automatisch „bewiesene Krebstherapie“.
- „mRNA“ bedeutet nicht automatisch „erfolgreich wie bei COVID-19“.
- Und ein hoher Preis sagt nichts über die Wirksamkeit einer Behandlung aus.
Was ist eine personalisierte Tumorvakzine?
Bei einer personalisierten Tumorvakzine wird versucht, das Immunsystem gezielt gegen Merkmale des eigenen Tumors zu aktivieren. Dafür wird häufig Tumorgewebe untersucht. Anschließend wird eine individuell auf den jeweiligen Tumor zugeschnittene Impfung (Vakzine) hergestellt. Dabei können zum Beispiel „mRNA“ oder bestimmte Eiweißbausteine, sogenannte „Peptide“, verwendet werden. Häufig ist auch von einer „Neoantigen-Vakzine“ die Rede. Neoantigene sind Merkmale, die durch Veränderungen in den Tumorzellen entstehen und vom Immunsystem erkannt werden können. Die Idee ist wissenschaftlich spannend. Aber: Dass das Immunsystem auf eine Vakzine reagiert, bedeutet noch nicht, dass der Tumor dadurch gestoppt wird oder Patientinnen und Patienten länger leben. Genau das muss in klinischen Studien bewiesen werden.
Was hat dies mit den mRNA-Impfstoffen gegen COVID-19 zu tun?
Der Erfolg der COVID-19-Impfstoffe hat gezeigt, dass „mRNA“ als technische Plattform sehr leistungsfähig sein kann. Daraus folgt aber nicht, dass eine „mRNA-Vakzine gegen Krebs“ automatisch ebenfalls wirksam ist. Ein Virus und ein bereits bestehender Tumor sind völlig unterschiedliche Gegner. Krebszellen können sich verändern, das Immunsystem beeinflussen und sich seiner Erkennung entziehen.
Wichtig: mRNA ist eine Technik – kein Wirksamkeitsversprechen.
Was bedeuten die neuen Daten von Moderna und MSD?
Am 19. August 2026 haben Moderna, ein US-amerikanisches Biotechnologie-Unternehmen, und MSD (Merck & Co.), ein internationales Pharmaunternehmen, positive erste Ergebnisse einer großen Phase-III-Studie gemeldet. Untersucht wurde „Intismeran autogene“, eine experimentelle, personalisierte mRNA-basierte Neoantigen-Therapie. Solche Verfahren werden häufig als personalisierte Tumor-vakzinen oder Krebsimpfungen bezeichnet. Dabei wird zunächst der Tumor einer betroffenen Person sequenziert und dann Tumor-spezifische Veränderungen zur Herstellung der Vakzine verwendet. Im Rahmen der Moderna-Studie konnte durch die Hinzunahme der Vakzine zu einer etablierten Immuntherapie (das war hier Pembrolizumab) das Risiko für einen Rückfall und das Auftreten von Metastasen verringert werden – bei gleichzeitig geringen Nebenwirkungen.
(Anmerkung: Bisher wurden nur erste zusammengefasste Ergebnisse („Topline-Daten“) bekannt gegeben. Die vollständigen Ergebnisse der Phase-III-Studie sind noch nicht veröffentlicht.)
Folgende Aspekte für Sarkom-Patient:innen sind hier bedeutsam:
- Die Therapie wurde bei Patientinnen und Patienten mit schwarzem Hautkrebs (Melanom) untersucht, deren Tumor vollständig entfernt worden war. Es war keine Behandlung bei einer gestreuten (metastasierten) Erkrankung. Das ist bedeutsam, da die Impfung nur mit einer kleinen Zahl von Tumorzellen zu tun hat und das Risiko von Resistenzen viel geringer ist. Bei einer gestreuten (metastasierten) Erkrankung mit hoher Tumorlast (z.B. viele Knoten) – sind bei vielen Krebsarten Immun-therapien nicht ausreichend wirksam.
- Der Schwarze Hautkrebs (Melanom) ist ein Tumor, bei dem die Immuntherapie die wichtigste Säule der Behandlung darstellt. Melanome gelten als Tumoren, die besonders gut durch immunologische Therapie-Ansätze behandelt werden können. Es liegt nahe, dass die erste positive Studie auch in einer solchen Patientengruppe durchgeführt wurde.
- Viele Sarkome gelten als „immun-kalt“ – lassen sich durch Immuntherapien wie Pembrolizumab nicht effektiv behandeln (…mit bisher wenigen Ausnahmen!). Auch wenn es nahe liegt, dass Vakzine dann weniger wirksam sein könnten, ist diese Frage bei Sarkomen nicht beantwortet. Auch, wenn es eine wichtige Frage ist und wir uns Studienkonzepte wünschen würden, bei der genau diese Frage im Zusammenhang mit etablierten Sicherheitstherapien geprüft würde.
Wichtig: Diese ersten Ergebnisse beim Melanom sind ermutigend – sie sind aber kein Beweis dafür, dass eine solche Impfung auch bei einem fortgeschrittenen oder wachsenden Sarkom wirkt.
Wer einfach Ergebnisse aus anderen Krebsarten nutzt, um Patientinnen und Patienten mit Sarkomen eine teure personalisierte Impfung als besonders erfolgversprechend zu verkaufen, handelt aus unserer Sicht hoch problematisch. Wirksame Therapien lassen sich nur in Studien als tatsächlich wirksam nachweisen. Denn leider: Unseriöse Anbieter haben keinen Vorteil davon, ihre Ansätze im Rahmen von Studien einer Wirksamkeitsprüfung zu unterziehen.
Wie ist die Lage bei Sarkomen?
Auch bei Sarkomen werden „personalisierte Tumorvakzinen und Neoantigen-Vakzinen“ derzeit wissenschaftlich untersucht. Erfreulicherweise. Aber die Forschung steht noch am Anfang. Aktuelle Studien untersuchen zunächst Fragen wie:
- Ist die Impfung überhaupt sicher?
- Vertragen Patientinnen und Patienten sie?
- Reagiert das Immunsystem darauf?
- Gibt es erste Hinweise auf eine Wirkung?
Wichtig: Die entscheidende Frage – ob solche Vakzinen das Fortschreiten eines Sarkoms zuverlässig bremsen oder das Leben verlängern – ist bisher nicht beantwortet. Deshalb gilt: Wir wissen heute noch nicht, ob personalisierte Tumorvakzinen bei Sarkomen wirksam sind. Keine Vakzine zu erhalten ist nicht gleichzusetzen mit einer Schlechterstellung. Und warum ist das so?
Warum kann eine Behandlung ohne belegte Wirksamkeit gefährlich sein?
„Es kann ja nicht schaden!“ ist ein Satz, der bei vielen komplementären Therapie-angeboten fällt. Für sehr viele Therapien ist das aber völlig unklar. Kombinationen wurden nie getestet und es ist eine Art Roulette-Spiel, von dem dringend abzuraten ist. Denn: Bei Krebstherapien geht es nicht nur um das Risiko von Nebenwirkungen. Es geht auch um das Risiko von „keiner Wirkung“, während es noch etablierte, zugelassene oder auch nicht-zugelassene Behandlungsalternativen gibt. Eine nicht-wirkende Therapie kann zu einem lebensbedrohlichen Fortschreiten der Tumor-erkrankung führen. Es kann bedeuten, dass die Therapie-Fähigkeit, also die Fitness der Betroffenen, sich verschlechtert und noch vorhandene Behandlungsoptionen nicht mehr genutzt werden können. Auch die Teilnahme an einer klinischen Studie kann möglicherweise nicht mehr möglich sein.
Warnsignale bei kommerziellen Angeboten – das Spiel mit der Hoffnung
Wenn schwerkranke Menschen bereit sind, Ersparnisse aufzubrauchen, Immobilien zu verkaufen oder Kredite aufzunehmen, müssen Anbieter besonders ehrlich und zurückhaltend sein. Verzweiflung darf niemals zum bloßen Verkaufsanlass werden.
Seien Sie daher besonders vorsichtig, wenn:
- Begriffe wie „personalisierte Vakzine“, „mRNA-Vakzine“, „Neoantigen-Impfung“ oder „maßgeschneiderte Krebsimpfung“ verwendet werden, ohne belastbare Daten für Ihren Sarkom-Subtyp (Sarkom-Art) zu zeigen,
- große Hoffnungen oder außergewöhnliche Erfolgschancen versprochen werden,
- Ergebnisse aus anderen Krebsarten (z.B. Melanom) als Beweis für die Sarkome dargestellt werden,
- einzelne „Erfolgsgeschichten“ wichtiger erscheinen als wissenschaftliche Studien,
- eine Reaktion des Immunsystems als Beweis für eine Wirkung gegen den Tumor verkauft wird,
- sehr hohe private Zahlungen verlangt werden,
- keine klar benannte klinische Studie mit Studiennummer genannt werden kann,
- kaum darüber gesprochen wird, dass die Behandlung möglicherweise nicht wirkt,
- eine bewährte Behandlung verschoben oder beendet werden soll,
- Sie zu einer schnellen Entscheidung oder Zahlung gedrängt werden.
Wichtig: Mehrere dieser Warnzeichen sollten ein klares Signal sein, unbedingt eine unabhängige Zweitmeinung einzuholen.
Geld zu verlangen für eine Therapie, für die es keine transparenten Wirksamkeits-nachweise gibt, ist NICHT SERIÖS! Wirksamkeitsquellen, die nicht nachprüfbar sind, z.B. Firmen-eigene Einzelfallberichte, sind NICHT SERIÖS!
Klinische Studien, die durch eine Ethikkommission genehmigt wurden und Ergebnisse, die durch externe Gutachter bewertet sind, sind die Mindestanforderung. Und: Bislang sind Krankenkassen in Deutschland, im Gegensatz zu den meisten Gesundheits-systemen in Europa, kulant und übernehmen die Kosten, wenn ein wissenschaftlich-begründeter Antrag auf Kostenübernahme für eine nicht-zugelassene Therapie gestellt wird. Ihre Sarkom-Expert:innen können Sie beraten, ob eine Therapie aussichtsreich ist.
„Aber ich habe keine anderen Behandlungsmöglichkeiten mehr.“
Gerade dann ist die Situation besonders schwierig. Wenn eine Erkrankung weiter fortschreitet und bewährte Therapien ausgeschöpft scheinen, ist der Wunsch verständlich, jede noch mögliche Chance zu nutzen. Aber: „Es gibt keine Standardtherapie mehr“ bedeutet nicht, dass jede experimentelle Behandlung sinnvoll ist. Eine Zweitmeinung an einem erfahrenen Sarkom-Zentrum kann klären, ob zum Beispiel eine weitere Behandlung, eine klinische Studie oder eine andere individuell begründete Möglichkeit infrage kommt.
Und manchmal gehört auch ein offenes Gespräch darüber dazu, ob eine weitere Tumorbehandlung überhaupt noch einen realistischen Nutzen erwarten lässt. Gerade Menschen in dieser Situation dürfen nicht mit Begriffen wie „personalisiert“, „individuell hergestellt“ oder „modernste mRNA-Technologie“ zu einer Behandlung gedrängt werden, deren tatsächlicher Nutzen für ihr Sarkom nicht belegt ist.
Was ist mit einem „individuellen Heilversuch“?
Ein individueller Heilversuch mit einer nicht-zugelassenen Behandlung kann in bestimmten Situationen medizinisch sinnvoll sein. Krankenkassen übernehmen durchaus auch die Kosten für einen solchen Heilversuch, wenn es seriöse Argumente für den Einsatz gibt. Die medizinischen Dienste der Krankenkassen, insbesondere das Kompetenz-Zentrum Onkologie (KCO) unterstützen Anträge, die auf nachprüfbarer Evidenz oder manchmal auch starken wissenschaftlichen Überlegungen basieren. Aus unserer Sicht muss (…bislang…) in Deutschland kein Patient für Therapien eigenes Geld aufwenden.
Unsere Empfehlung
Personalisierte Tumorvakzinen – darunter Neoantigen-Vakzinen und mRNA-basierte Verfahren – sollten bei Sarkomen derzeit nur im Rahmen wissenschaftlicher, qualitätsgesicherter klinischer Studien untersucht werden. Wenn Ihnen außerhalb einer Studie eine kostenpflichtige personalisierte Krebsimpfung angeboten wird – wichtig: Holen Sie vor einer Entscheidung unbedingt eine unabhängige Zweitmeinung an einem erfahrenen Sarkom-Zentrum ein. Fragen Sie:
- Gibt es Studiendaten zu dem Verfahren bei Sarkomen?
- Welche Daten gibt es speziell für meine Sarkom-Art?
- Kann ich diese Publikationen erhalten um diese mit meinen Sarkom-Expert:innen zu besprechen?
- Wurde diese Impfung bei vergleichbaren Patientinnen und Patienten untersucht?
- Wie viele Menschen wurden bisher damit behandelt?
- Was weiß man über die tatsächliche Wirkung auf den Tumor?
- Welche anderen Möglichkeiten habe ich?
- Warum muss ich die Behandlung selbst bezahlen?
Die wichtigste Frage lautet: „Welche belastbaren Daten zeigen, dass Menschen mit meinem Sarkom-Typ in meiner Situation tatsächlich von dieser Behandlung profitieren?“ Wenn Sie darauf keine klare Antwort erhalten, darf auch nicht der Eindruck entstehen, die Wirkung sei bereits bewiesen.
Zum Schluss
Wir sind nicht gegen Tumorvakzinen. Im Gegenteil: Wir hoffen sehr, dass personalisierte Krebsimpfungen – darunter Neoantigen-Vakzinen und mRNA-basierte Verfahren – erfolgreich weiterentwickelt werden und daraus eines Tages wirksame Therapien für Sarkom-Patient:innen erwachsen. Dafür brauchen wir aber klinische Studien und verlässliche Daten. Was wir nicht brauchen, sind unethische Ver-sprechen gegenüber Menschen, die sich in lebensbedrohlichen Situationen befinden.
- Forschung verdient Hoffnung.
- Patientinnen und Patienten verdienen Ehrlichkeit.
- Und die Not von Menschen mit Krebs darf niemals ein Geschäftsmodell sein.